Im
folgenden werde ich mich, was die Definition und die Kreativität
fördernden Bedingungen angeht eng an die Aussagen von Carl Rogers
halten, wie sie in seinem Buch „Entwicklung der Persönlichkeit“ im
Kapitel 19 von ihm dargestellt werden. Leider muss ich mich auf
wesentliche Punkte beschränken, um nicht den Rahmen zu sprengen. Eine
Lektüre des Buches oder zumindest des Kapitels kann ich nur jedem
empfehlen.
Die Definition des kreativen Prozesses
nach Carl C. Rogers: „Er ist das tätige Hervorbringen eines neuartigen
Produkts der Beziehung zwischen der Einzigartigkeit des Individuums
einerseits und den Materialien, Ereignissen, Menschen oder Umständen
seines Lebens andererseits.“
Die Motivation zur Kreativität sieht
Rogers in dem Bestreben des Menschen, sich selbst zu aktualisieren, d.h.
sich zu entwickeln und seine Möglichkeiten/Fähigkeiten auszuschöpfen.
Diese Tendenz nach Entwicklung „kann unter Schichten verkrusteter
psychischer Abwehrhaltungen tief begraben sein; sie kann hinter
aufwendigen Fassaden versteckt liegen, die ihre Existenz leugnen.“
Die Definition des kreativen Prozess
erfasst sowohl die Entstehung eines neuen Backrezeptes am heimischen
Herd als auch die Entwicklung einer neuen Raketensteuerung. Der kreative
Prozess an sich kann nicht in Gut oder Böse eingeteilt werden.
Sinnvoller ist es hier nach konstruktiver und destruktiver Kreativität
zu urteilen. Allerdings lässt sich das entstandene Produkt (wenn
überhaupt) erst weit nach seinem Schaffen beurteilen.
Carl C. Rogers leitet von den klinischen Ergebnissen der Psychotherapie drei Bedingungen für eine konstruktive Kreativität ab:
A: Offenheit gegenüber Erfahrung. Auch gegenüber der, die den eigenen Vorstellungen und Voranahmen widerspricht.
B: Eine innere Bewertungsinstanz. Der
schöpferische Mensch beurteilt das Produkt allein aus sich heraus. Das
Urteil anderer ist für ihn wahrnehmbar, aber nicht für sein eigenes
Urteil relevant.
C: Die Fähigkeit, mit Elementen und
Begriffen zu spielen. Eine fehlende Scham davor, Lächerliches zu
formulieren oder auszuprobieren, den Mut wilde Hypothesen aufzustellen.
Selbstzweifel und die Angst vor dem
Allein-Sein sind solchen Menschen oft nicht fremd. Etwas Neues schaffen,
etwas tun, was niemand je getan hat, was niemand kennt, verursacht fast
zwangsläufig diese Gefühle.
Diese Fähigkeiten sind in jedem Menschen, aber nicht jeder Mensch lebt unter Bedingungen, in denen er sie entfalten kann.
Eine Voraussetzung hierfür ist die
psychische Sicherheit. Das Individuum muss hierfür von seinem Umfeld
bedingungslos als wertvoll akzeptiert werden. Es muss sich möglichst in
einem Umfeld befinden, in dem keine Wertsetzung von außen erfolgt. Die
Beziehungen sollten von empathischem Verständnis geprägt sein – einem
teifen Akzeptieren und Verstehen.
Die zweite Voraussetzung ist die
psychische Freiheit des Menschen. Es geht um die völlige Freiheit des
symbolischen Ausdrucks. Die Zerstörung einer Bezugsperson ist nicht
akzeptabel, die Zerstörung eines Symbols dieser Person allerdings schon.
Warum sollte z.B. kein Bild vom Vorstand an einer Dartscheibe im Büro
hängen?
Zu dieser Theorie kam Carl Rogers nach
einem Kongreß im Jahre 1952, zu dem er von einer Fördergesellschaft der
Ohio State University geladen wurde.
Rogers schrieb damals: „Unser
Bildungswesen fördert Konformisten, Stereotypen, Individuen, deren
Bildung 'abgeschlossen' ist (…). Bei unseren Freizeitaktivitäten
dominieren passive Unterhaltung und reglementiertes Gruppenbandeln bei
weitem (…). In der Wirtschaft reserviert man schöpferisches Tun für die
wenigen – den Manager, den Designer, den Leiter der Forschungsabteilung
(…). Man gewinnt den gleichen Eindruck im Hinblick auf das Leben des
Einzelnen und der Familie. (…) Original oder anders zu sein, empfindet
man als 'gefährlich'.“
Wie ist es heute?
Wie ist es, wenn sie die Bedingungen für konstruktive kreative Prozesse in Ihrem Umfeld überprüfen? Seien Sie Sie selbst!
Ich wünsche allen Lesern den Mut, sich
selbst zu entdecken. Immer wieder neu. Jeden Tag. Die Kraft Fassaden
abzulegen und die eigenen Möglichkeiten zu leben.
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