Samstag, 18. Mai 2013

Etwas, das es nicht gibt: Schuld

Schuld wird in der Regel mit dem Vorwurf verbunden, etwas falsch gemacht zu haben, obwohl man sich dafür hätte entscheiden können, das Richtige zu tun.

Marion kommt nach Hause und Klaus hat schon gekocht, da sie sich verspätet hat. Es gibt Hühnerfrikassee. Marion setzt sich an den nett gedeckten Tisch und freut sich. Als sie das Frikassee probiert ist sie entsetzt: Klaus hat mit Wein gekocht!
Sie fährt Klaus an, er habe total falsch gekocht, und er sei schuld, dass sie jetzt noch nach dem langen Tag zum Imbiss muss.

Die Begriffe „richtig“ und „falsch“ ergeben nur Sinn, wenn man sie in Beziehung zu einer Person setzt. Was für eine Person richtig ist, kann für eine andere Person falsch sein.

Marion mag Weißwein, aber nicht im Essen. Für Klaus ist Wein im Essen etwas besonderes und daher richtig für Marion.

Mit dem Schuldvorwurf geht Marion davon aus, dass alle Menschen, wie sie selbst, keinen Weißwein im Frikassee mögen, oder zumindest Klaus wusste, was für sie richtig gewesen wäre. Sie wird also wütend, da Klaus ihr absichtlich geschadet hat. In ihrer Phantasie scheint das so zu sein. Wenn dem so wäre, hätte sie wohl in der Tat einen Grund wütend zu sein.


Kann Marion aber davon ausgehen, dass Klaus das wusste? Sie hat immer Frikassee ohne Weißwein gekocht! Da hätte er sich das denken müssen, oder? Natürlich konnte er das nicht wissen! Marion kommt mit Pommes nach Hause und Klaus wirft ihr vor, Schuld an dem versauten Abend zu sein. Nur wegen ihr würde er jetzt in die Kneipe gehen und sich betrinken!

Ist es nicht schön, wie schnell man durch Schuldvorwürfe in einen Teufelskreis aus gegenseitigen Verletzungen und Vorwürfen kommen kann...

Der Vorwurf von Schuld hat einen entscheidenden Vorteil:

Wenn man einen Schuldigen gefunden hat, ist das Thema oft erledigt. Das Zusprechen von Schuld erspart lästiges Fragen. Wer Schuld hat, hat etwas Falsches getan und kann gegebenenfalls durch Reue wieder rehabilitiert werden. Alle anderen sind somit „fein raus“. Wer Schuld zuspricht bettelt so gesehen nach Anerkennung und positiver Aufmerksamkeit.

Im zwischenmenschlichen Bereich, privat und beruflich, macht es Sinn statt nach einem Schuldigen zu suchen, Fragen zu stellen:
Wer hat was, (und vor allen Dingen) mit welcher Absicht getan?
Was stört wen, (und vor allen Dingen) mit welcher Absicht und wie wünscht er es sich statt dessen?
Wie soll in Zukunft in einer vergleichbaren Situation von den Betroffenen gehandelt werden?

In der Klärung solcher Fragen liegt wesentlich mehr Potential für eine gesunde Zukunft, als in der Frage nach der Schuld.

Mit der Frage „Warum hast du Frikassee mit Weißwein gekocht?“, hätte Marion erfahren, dass das für Klaus etwas ganz besonderes symbolisiert und er damit seine besondere Liebe ausdrücken wollte.

Vielleicht wäre der Abend dann anders verlaufen.

(ursprünglich veröffentlicht 06.03.2011)

www.dreier-kukt.de

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